Die Tür fiel mit einem harten Schlag hinter Jasmine zu und ein
Blick auf die im Zug wehenden Gardinen ließ Jasmine seufzen. Ihr guter Vorsatz,
die Fenster bei Abwesenheit um des Katers Willen zu schließen, wurde gerade
wortwörtlich vom Winde verweht. Relativ achtlos ließ sie ihre Schlüssel auf die
kleine Kommode neben der Haustür fallen und stellte den Korb, in dem sich
frisches Obst befand, wesentlich sorgsamer ab, um sich der Jacke zu entledigen.
Ihr Blick fiel zur halb geöffneten Wohnzimmertür, durch welche nun der Kater
Caramel geschlichen kam, nicht ohne ihr ein herzerweichendes Miauen zu
schenken. Jasmine lächelte sacht. „Na, schon wieder Hunger?“, fragte sie und
warf ihre Jacke über den Kleiderständer, ehe sie sich hinabbeugte, sich den
Kater unter den Arm klemmte und mit der anderen Hand wieder den Korb aufnahm.
Mit beiden Schätzen ging sie in die Küche, in dem schon das offene Fenster
wartete. Der Kater wurde auf den Tisch gesetzt, wo er sich abwartend auf die
Hinterpfoten niederließ, der Korb auf die Anrichte gestellt und im gleichen
Atemzug das Fenster geschlossen, dann die Gardinen geordnet. Ein wenig
erschöpft vom Einkaufsbummel über den Markt zog sich Jasmine nun einen Stuhl
vor, um sich sogleich hinzusetzen, den fragenden Blick vom Kater belächelnd. „Später,
hm? Du bist eh zu dick.“, erklärte sie ihm leise und zog das Fellknäuel auf
ihren Schoß, wo es sich sofort gemütlich einrollte und schnurrend seine
Dankbarkeit kund tat. Die Blonde seufzte erneuert und zog nun den geliebten und
gleichzeitig verhassten Laptop zu sich, der noch ein schwarzes Bild zeigte und
kein Geräusch von sich gab. Insgesamt herrschte nun in der Wohnung eine
unvertraute Stille, die Jasmine kurz innehalten ließ. Ihr Blick wanderte durch
die Küche, die wie immer pikobello sauber war und ihr doch irgendwie fehlerhaft
vorkam. Vielleicht, weil sie gestern die Blumen hatte entsorgen müssen, die sie
von ihrer Mutter bekam, als sie sie das letzte Mal besuchte. Vielleicht, weil
der Kater auf ihrem Schoß döste und ihr nicht vom Kühlschrank aus beobachtende
Blicke zuwarf oder nach Fressen maunzte. Vielleicht aber auch, weil sie nach
Tagen mal wieder allein war und sich für heute niemand zum Essen angemeldet
hatte. Nicht einmal Evie hatte von sich hören lassen…
Mit einem Schulterzucken riss sie sich von ihren Gedanken los und beschloss,
dass der Tag zu schön war, um sich solche Gedanken zu machen und noch einiges
an Arbeit auf sie wartete, die nicht schon wieder aufgeschoben werden konnte. Mit
einem widerwilligen Druck auf den On-Knopf des Laptops ließ sie den schon etwas
altersschwachen Gefährten wach werden und sofort kündigte dieser seine
Aktivität durch ein lautes Surren an. „Miststück.“, kommentierte sie seine
Laute und gab ihm einen Klaps, der sofort zum beinahen Schweigen des Gerätes
führte. „Geht doch.“ Caramel hatte sich derweil schon tief in die Jeans der
Frau gekrallt und war in höhere Sphären gedrungen. Liebevoll strich Jasmine der
orangefarbenen Katze über das weiche Fell, ehe sie nach Aufforderung das
Passwort behände eintippte und darauf wartete, endlich auf den Desktop zu
kommen. Nach gefühlten Stunden dann zeigte der Laptop endlich das erwartete
Bild und begrüßte sie sofort mit der Meldung: „Sie haben 3 neue Email(s)“. Ein
kurzes Mienenverziehen später hatte sie sich auch durch die angekommene Werbung
gelesen und entschieden, mal wieder nichts zu bestellen oder zu buchen („Danke
auch, ich brauche keine Traumreise für 2 nach Wien!“). Verdammtes Internet. Zu
nichts zu gebrauchen.
Nachdem der Posteingang wieder geschlossen war lehnte sich Jasmine nachdenklich
zurück und starrte auf den Bildschirm, dessen Flackern ihr jetzt schon
Kopfschmerzen zu bereiten schien. Nur mit Mühe konnte sie sich endlich abwenden
und blickte wieder in die Küche, diesmal zum Kalender, der mit dem Bild eines
Mohnfeldes verdeutlichen wollte, dass es mittlerweile Juni sei. Juni. Endlich
Sommer, würde man sich denken, doch hier in London ließ der richtige Sommer
noch auf sich warten. Jasmine schmunzelte und warf einen kurzen Blick aus dem
Fenster. Geregnet hatte es heute zumindest noch nicht, aber wirklich sommerlich
konnte man die Temperaturen noch nicht nennen. Nicht, dass es sie gestört
hätte. Aber es war ja auch erst Juni. Erst? Oder doch schon?
Ein perfektes Dilemma für Jasmine, die dieser Frage noch ewig hätte nachhängen
können, wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass vor dem Juni der Mai kam, der
ja mittlerweile schon(?!) vorbei war. Ein Hauch von Trübsinn
legte sich auf die noch relativ blassen Züge Jasmines. Vor fast genau einem
Monat hatte Zachary seinen Geburtstag gefeiert. Und ihre Glückwünsche vehement abgelehnt.
Ein schlechtes Gewissen plagte sie deswegen nicht, immerhin hatte sie es
versucht, aber trotzdem wollte sie die Tatsache nicht auf sich sitzen lassen.
Während sie darüber nachdachte, wie oft sie versucht hatte, ihn anzurufen
(nicht einmal Evie konnte ihn dazu bringen, wenigstens einmal abzuheben)
verfiel der alte Laptop wieder in sein genüssliches Surren, das Jasmine schon
nach kurzer Zeit in den Wahnsinn trieb. Aus den Gedanken gerissen gab sie ihm
erneuert einen nicht ganz so zärtlichen Klaps, stoppte dann jedoch abrupt ihren
aufsteigenden Wutanfall. Ohne großartig nachzudenken öffnete sie ihr
Emailprogramm, rutschte mit dem Stuhl näher an den Tisch heran, was den Kater
beinahe zum Abstieg gebracht hätte und nun aus dem Dämmerschlaf riss.
›Zach,
Auch wenn es spät kommt und du es wahrscheinlich nicht hören willst möchte ich
dir über diesen Weg alles Gute zum Geburtstag wünschen. Nachträglich natürlich…
Ich hoffe dir und Evie (und Layla) geht es gut. Die letzteren Beiden haben lange
nichts mehr von sich hören lassen, ist etwas passiert?
Ich würde mich freuen, wenn du dich zurückmeldest.
Liebe Grüße
Jazz‹
Was für einen Stuss schrieb sie sich da eigentlich zusammen? Als Journalistin
müsste es doch möglich sein, aus diesen Standartklauseln auszubrechen und sich
etwas Anspruchsvolleres auszudenken?! Mit einem gequälten Laut von Unmut und
Verzweiflung warf sich Jasmine zurück und rieb sich die Schläfen. „Caramel,
willst du nicht lieber schreiben?“, fragte sie dann ihren Kater, der sich
mittlerweile aufgerichtet hatte und ihr entgegenblickte, jedoch keinen Anschein
machte, sich zur Tastatur zu bewegen. „Nicht? Du liebst die Tastatur doch sonst
so.“ …Als Schlafplatz…
Letztendlich gab sich Jasmine doch einen Ruck und klickte mit verzerrte Miene
auf die „Abschicken“-Schaltfläche, die sie eh die ganze Zeit angegrinst hatte.
Ein Stein fiel ihr von Herzen, aber nicht ohne einen leichten Schmerz zu
hinterlassen, als wäre er auf den Fuß gefallen. Unzufrieden mit sich selbst hob
Jasmine Caramel wieder auf ihren Arm und drückte ihm einen Kuss auf den Kopf. „Lass
uns was kochen.“